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Wie kommt das Quietschentchen ins Mongolenzelt?
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Oder Völkerverständigung auf die sportliche Art: Der Film “Das größte Spiel der Welt“

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Wie kommt das Quietschentchen ins Mongolenzelt?

Oder Völkerverständigung auf die sportliche Art: Der Film “Das größte Spiel der Welt“

Von Petra  Schönhöfer

Es tropft. Von der Blätterdecke der grünen Hölle, die das Amazonasgebiet nun einmal ist, tropft das Regenwasser. Aus dem Dickicht der Schlingpflanzen blitzen Augen aus breiten, rußbemalten Gesichtern. Nur spärlich bekleidete braune Körper ducken sich durch das Unterholz. Eine kleine Gruppe speertragender Indianer flüstert sich Kommandos zu, konzentrierte Anspannung in jeder Muskelfaser. Plötzlich stürzt einer vor und springt auf einen Baum.
Doch es ist nicht etwa ein wildes Tier, dass den jungen Mann in die Wipfel treibt. Es sind auch keine feindlichen Eroberer, die ihm auf den Fersen sind. Es sind die Fernsehbilder aus dem Büro des benachbarten Sägewerks, die er von hoch oben zu erhaschen hofft. Gerade läuft die Ankündigung vom Finale der Fußballweltmeisterschaft 2002, Deutschland gegen Brasilien. Auf dem Heimweg von der unergiebigen Jagd – nur eine Schildkröte im Sack! – sind sich die Jungs schnell einig: Als größte Ronaldo-Fans der Welt dürfen sie  sich das nicht entgehen lassen, koste es, was es wolle.
Dass ein Fußballendspiel tatsächlich ein weltumspannendes Ereignis ist, dass selbst Menschen in den entlegensten Winkeln des Globus darüber Bescheid wissen, dass Oliver Kahn den mongolischen Nomaden ein Begriff ist und eine tunesische Karawane eine Empfangsantenne in der Wüste errichtet – das klingt wie ein weiteres Sommermärchen. Aber selbst wenn der Film „Das größte Spiel der Welt“ eine fiktive Komödie ist, so stammt die Idee dazu doch aus der Berufserfahrung des Dokumentarfilmregisseurs Gerardo Olivares.
„Begonnen hat alles auf einer Reise in die Mongolei,“ erzählt der Spanier. „Im Altai-Gebirge begegnete ich einer Gruppe Wandernomaden. Auf einem ihrer Pferde war ein alter Fernseher angebracht. Sie sagten, dass sie zum ‚eisernen Baum’ wollten. Ich fragte mich, was besonderes an einem Baum sein konnte, dass eine Gruppe Mongolen die Steppe dafür durchquerte. ‚Es ist kein Baum’, klärte man mich auf. ‚Es sind Eisenreste, die Soldaten zurückgelassen haben und die wie eine Antenne funktionieren. Heute ist das Endspiel.’ Olivares mag seinen Ohren nicht getraut haben, aber wohin immer ihn seine Arbeit  verschlug, lernte er Menschen kennen, die in totaler Abgeschiedenheit wussten, wie Zidane sein letztes Tor geschossen hatte oder welche Rückennummer Ronaldo trug.
Während  also bei der Weltmeisterschaft  in Deutschland aus zigtausend Männerkehlen der Ruf erklang: „Schatz, bringst Du noch ein Bier aus dem Kühlschrank?“, so könnte es im Amazonas-Gebiet durchaus geheißen haben: „Schatz, wirfst Du schon mal die Schildkröte in den Kochtopf?“ oder in der mongolischen Steppe: „Schatz, ziehst du bitte schon mal dem Fuchs das Fell ab?“ So jedenfalls zeigt es der spanische Regisseur. Seine Schauspieler sind allesamt Laien, die sich selbst in ihrer Lebenswelt zeigen. Ganz normale Fußballfans wie der Indianer Xair Kaapor,  der als menschliche Satellitenschüssel in die Bäume gejagt wird. Oder der adlige Tuareg Hassan, der selbst im Sandsturm noch Klappstuhl und Schirm parat hat, um das Spiel standesgemäß verfolgen zu können. Oder Mongolenanführer Dalai Khan, der sich nebenbei auch für das Sammeln von Gummienten und Schlüsselanhängern begeistert. Sie alle verrichten in diesem Film Unglaubliches, um vor der Mattscheibe dabei zu sein, wenn 22 Männer in kurzen Hosen das Runde in das Eckige befördern. Die Komik, die sich aus solchen Anekdoten ergibt, ist eine leise, ohne schrille Effekte. Dafür aber eine herzerwärmende, zu der nicht zuletzt die herzhafte Selbstironie der Darsteller beiträgt.
Auf wundervoll unaufdringliche Weise räumt der Dokumentarfilmer Olivares mit dem Klischee der edlen Wilden auf und steckt es zusammen mit dem Phantasma vom unberührten Naturparadies, dem viele Industrienationen erlegen sind, in die Flimmerkiste, die die Welt bedeutet. Schlaue Leute, die ihr Fernsehgerät schon vor Jahren aus dem Leben verbannten und eifrig Medienschelte betreiben, mögen an dieser Stelle nachsichtig sein. Denn eindrucksvoll bestätigt Olivares anhand des Massenmediums Fernsehen und des Volksspektakels Fußball die naivste und wahrste Erkenntnis, die ein Mensch haben kann: Wir Erdenkinder sind doch irgendwie alle gleich. Fußball ist also nicht nur unser Leben. Und nicht nur unser Leben ist ein Leben.

Credits:
Das größte Spiel der Welt (The Great Match)
Regie: Gerardo Olivares
Spanien/ Deutschland 2005
88 Minuten
Start: 07. Juni 2007

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