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Krude Heldensagen im Film "FlyBoys"

Von Petra  Schönhöfer

Stell Dir vor, es ist Krieg und alle wollen fliegen. Das ist die Idee, von der Regisseur Tony Bill, (u. a. BARB WIRE), in seinem Kriegsfliegerepos FLYBOYS ausgeht. Der erste Weltkrieg ist ausgebrochen und noch ist sich niemand über sein verheerendes Ausmaß bewusst. Zu zigtausenden ziehen junge Männer singend in den Krieg, weil man ihnen den Dienst an der Waffe als ehrenhaftes Abenteuer schmackhaft gemacht hat. Diese Lüge dringt bis nach Übersee, und es ist historisch belegt, dass sich einige junge Amerikaner noch vor dem Eintritt der Vereinten Staaten freiwillig meldeten, um auf französischer Seite zu Kampfpiloten ausgebildet zu werden.
Eine dieser überlieferten militärischen Ausbildungsstützpunkte war die Lafayette Escadrille nahe Verdun. Anfangs flogen hier 38 amerikanische Piloten für Frankreich in die Luftgefechte gegen Deutschland. Das Flugzeug war gerade erst erfunden worden und noch längst nicht im Dienste der Allgemeinheit, also versprach die Fliegerei eine besondere Möglichkeit, den eigenen Mut unter Beweis zu stellen. Unter den angeblichen Draufgänger der Escadrille befinden sich auch die Protagonisten von FLYBOYS: Der tapfere William Jensen aus Nebraska, der seiner Familie Ehre machen möchte, der dickliche Briggs Lowry, der endlich mal Gehorsam lernen soll, der ausgewanderte schwarze Boxer Eugene Skinner und als unrasierter, aber moralisch überlegener Außenseiter der texanische Cowboy Blaine Rawlings, den James Franco mit überflüssiger Jimmy-Dean-Attitüde spielen muss. Natürlich bleibt der weiblichen  Hauptrolle bei soviel Testosteron nicht viel mehr übrig, als eine mit verlegenem Augenaufschlag Blumen pflückende Dorfschönheit zu sein, die sich von Rawlings erobern lässt. Für die Nebenrolle eines französischen Kommandanten wurde übrigens Jean Reno verpflichtet, der sich zwar sichtlich bemüht, die französische Erste-Weltkriegs-Uniform mit Würde zu tragen, dabei aber ganz schnell unfreiwillig zur Karikatur wird.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Eine paar Jungs auf einen Haufen, die das Fliegen, Töten und Sterben lernen und sich dabei nicht allzu viele Fragen stellen. Die immense Schwierigkeit des Films liegt aber nicht in der platten Handlung, nicht in den zahlreichen Klischees, in der aufdringlichen Filmmusik oder in den eleganten, aber wenig aufsehen- erregenden Flugstunts. Sie besteht darin, dass  Krieg hier tatsächlich als Abenteuer gezeigt wird, aus dem Männer als Helden hervorgehen können – wenn man nur ein bisschen Ehre am Leib hat und sich ansonsten mit männerbündnerischen Ritualen wie Bordellbesuchen und Schnapssaufen nicht allzu schwer tut. Schwer wiegt die Ungebrochenheit, mit der Regisseur Bill von der Freiheit über den Wolken erzählt, einen unverblümten Heroismus schildert und sich nicht geniert, seine Fokker-Ballette um einen sinfonieunterlegten Bombenabwurf zu ergänzen. Zum Streichkonzert gleiten gelbe Sprengkörper sanft dem feindlichen Munitionslager entgegen. Nach gelungener Mission sieht in diesem Film so ein Happy End aus, denn immerhin hat es den Richtigen getroffen: den Bösen.
Selbstverständlich ist Tony Bill nicht dämlich und hält für seine krude Aufrecherhaltung des Fliegermythos ein Totschlagargument bereit, dass er gleich zu Beginn des Films einblendet: „Nach einer wahren Begebenheit“. Und um ganz sicher zu stellen, dass der Schmarrn nicht allein auf seinem Mist gewachsen ist, steht am Ende noch einmal die Originalfotografie vom Geschwader, inklusive des domestizierten Löwen übrigens, den man bis zu diesem Zeitpunkt für einen weiteren schlechten Scherz des Regisseurs hätte halten können.
Erst kürzlich hat Evelyn Finger in DER ZEIT anlässlich des Fernsehzweiteilers DIE FLUCHT einen Essay über die Schwierigkeit von Geschichtsdarstellung im Fernsehen veröffentlicht. Mit der Einschränkung, dass Kino sicher weniger als Fernsehen als alltäglicher Bestandteil unserer Wissensbildung empfunden wird, kann man ihre Skepsis durchaus auf die Art von Geschichtsdarstellung übertragen, die mit einem Film wie FLYBOYS auf die Leinwand kommt. Auch hier zeigt die  „schematische, auf wenige positive Leitfiguren fixierten Dramaturgie (…) dass das emotionsgeladene Bild die eigentlichen Konflikte überlagert.“ Auch hier bewahrheitet sich die These von Historiker Fabio Crivellari, dass „durch ritualisierte Darstellung Filmsequenzen zu Ikonen würden, differenzierende Kommentare hingegen sich versendeten.“ 
FLYBOYS ist süßliches Einfühlungskino, das unter dem Deckmantel der Authentizität zu geradezu menschenverachtender Mythenbildung beiträgt. Davon kann einem ebenso übel werden wie von Flugloopings. Nicht, dass man die Geschichte der Lafayette Escadrille nicht hätte erzählen dürfen. Aber wurden jahrzehntelang kluge Anti-Kriegsfilme gedreht, damit wir im Jahr 2007 wieder Heldenepen anschauen müssen? Statt tollkühne Jungs in ihren fliegenden Kisten zu zeigen, wären Verstand und Verantwortung angebracht gewesen um zu sagen: Stell Dir vor, es ist Krieg und es gibt keine Helden.


FlyBoys
Regie: Tony Bill
Mit: James Franco, Jean Reno, Jennifer Decker u.a.
Frankreich/ USA 2006
139 Minuten
Start: 10. Mai 2007

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