Flohmarkt der Hoffnungen
Marcus Vetters und Stefan Tolz’ Doku zum Phänomen eBay
Von Petra Schönhöfer
Der früheste belegte Handel der Menschheit, so lehren die Geschichtsbücher, liegt etwa 140.000 Jahre zurück. Es ist bekannt, dass zu dieser Zeit in Afrika bereits Fernhandelsbeziehungen über mehrere hundert Kilometer existierten. Man hat die Szene deutlich vor dem inneren Augen: Karawanen machen sich unter flirrender Sonne auf den Weg, um nach entbehrungsreicher, ja, vielleicht sogar lebensgefährlicher Reise am Born einer Oase mit zitternden Händen ein in Ziegenhaut eingeschlagenes Päckchen zu übergeben und den heiß ersehnten Gegenwert dafür in Empfang zu nehmen.
Heute jagen Bits und Bytes durch die Kabel, überwinden dabei zehntausende von Kilometern in der Zeit eines Lidschlags, und schon ist das Geschäft über die Bühne. Drei, zwei, eins: meins. Seit 1995 gibt es die Institution, die das scheinbar uralte Handelsbedürfnis der Menschen als Geschäftsidee geschickt zu nutzen weiß, das weltweit größte Internetauktionshaus eBay. Über zehn Jahre überwältigender Geschäftsbilanzen – mit einem Reingewinn von 1120 Millionen US-Dollar im Jahr 2006, Tendenz steigend - sind Grund genug für die Dokumentarfilmer Marcus Vetter und Stefan Tolz, dem Phänomen ihren Film „Traders’ Dreams“ zu widmen. Sie zeigen, was den Erfolg der Geschäftsidee von Pierre Omidyar ausmacht und was man ohnehin schon ahnt: Es gibt nichts, was nicht jemand kaufen oder verkaufen möchte. Jeder Topf findet bekanntlich seinen Deckel. Ob Gedankenlesemaschine aus Schrott an arbeitslose Ergotherapeutin oder Papst-VW an Online-Casino, auf eBay kommt zusammen, was zusammen gehört. Einige Billionen Euro, so ein Unternehmenscoach im Film, lagern derzeit in Form von Gerümpel auf Speichern und in Kellern, so genanntes „totes Kapital“. Wie verführerisch, sich davon eine Scheibe abzuschneiden, und sei es in Form von schimmeligem Toast mit Heiligenbild. Schnell ist mancher infiziert von der Hoffnung, hier das Geschäft seines Lebens zu machen.
Vetter und Tolz gehen mit ihrem Dokumentarfilm bekannte Wege: Sie springen zwischen mehreren Schauplätze und einigen Einzelschicksalen hin und her, deren Stränge immer wieder in der übergeordneten Idee „eBay“ zusammenlaufen. Sie zeigen intime Eindrücke aus den Wohnstuben der Auktionsfantasten und gewähren investigative Einblicke in die ganz und gar nicht träumerischen Geschäftsgebaren der E-Auktions-Mogule. Der hohe Unterhaltungswert, den „Traders’ Dreams“ tatsächlich besitzt, rührt eindeutig von seinem sorgsam ausgewählten und sensibel begleiteten Personal her, skurrile Situationskomik inklusive. Da ist der seltsame Kauz auf der schottischen Isle of Skye, der vor dem Computer in seiner steinernen Schäferhütte über den Fortschritt philosophiert, dem er sich nicht verweigern darf. Da sind die mexikanischen Töpfer, schnurrbärtige Haudegen auf den ersten Blick, die bei ihren Zusammenkünften nicht etwa ihr nächstes Rodeo, sondern die Präsentation ihrer Vasen im Internet planen. Und da ist der arbeitslose Ingenieur Konrad Thurm aus Borna, Sachsen, der mit rührender Unterstützung seiner Familie als eBay-Verkaufsagent Erfolgen haben möchte. Er probiert es mit Karnevalskostümen, regionalen Spezialitäten, ganze Marktstände versucht er über das weltweite Netz zu vertreiben. Aber selbst in nächtelangen Schichten vor dem Computer mag es ihm nicht gelingen, den Topseller zu finden. Leider weiß er nicht, was eigentlich genau beim ersten Handel der Menschheit verschachert wurde, auf was der Mensch so scharf war, dass er sogar die Strapazen einer langen Reise auf sich nahm. Waren es Felle, Waffen, Kleinkunst - oder nicht vielleicht doch eine sächsische Sauergurke? So lange das nicht geklärt ist, so lange werden Millionen von Menschen vor ihren Monitoren träumen, vom ultimativen Schnäppchen, vom perfekten Deal. Schön, dass man einigen von ihnen nun dabei zuschauen kann.
„Traders’ Dreams“
Deutschland 2007
Regie: Marcus Vetter, Stefan Tolz
83 Minuten
Start: 28.6.2007 |
Kultur / Medien / Filmkritik
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